1. Akt – 2.Szene

2. Szene

Der Berichterstatter sichtet die Akten und sucht offensichtlich etwas. Nach wenigen Sekunden schaut er auf.

Berichterstatter
Die Beiakte wegen der Körperverletzung ist noch in meinem Zimmer. Die ist gestern erst gekommen. Ich hole sie schnell.
Der Berichterstatter verlässt den Raum.
Vorsitzender
Ja, ist besser.
Schöffin
Ich gehe dann noch mal kurz zur Toilette. Wo ist denn die nächste?
Beisitzerin
Ich zeige es Ihnen.
Beide verlassen ebenfalls den Raum.
Schöffe
Haben Sie gestern Fußball gesehen? Das war ja wohl unglaublich, das Spiel.
Vorsitzender
Nein, ich habe es nicht gesehen. Ich muss zugeben, dass ich auch kein großer Fußballfan bin. Ich schaue mir die wichtigen Länderspiele bei Europa- oder Weltmeisterschaften an, aber sonst kümmere ich mich nicht groß darum. Zumal man beim Fußball auch nie weiß, ob sich das lohnen wird. Es gibt so langweilige Spiele. Und da ist mir meine Zeit zu schade.
Schöffe
Manchmal lohnt sich das doch. Wenn Sie das gestern gesehen hätten.
Der Vorsitzende wendet die volle Aufmerksamkeit dem Schöffen zu.
Vorsitzender
Herr Assauer, tun Sie mir bitte einen Gefallen: Die Frau Schmidt, die ist das erste Mal bei so einem Prozess dabei. Vielleicht können Sie sich ein wenig um sie kümmern. Sie sind schließlich schon einige Zeit dabei. Dann bleibt das nicht alles an uns hängen, verstehen Sie? Wir haben derzeit so viele Akten auf dem Tisch, das ist wirklich schlimm. Da kann man sich eine anstrengende Schöffin gut sparen. Womit ich nicht sagen will, dass sie anstrengend ist. Das weiß ich noch gar nicht. Aber ein solcher Fall mit einem toten Säugling gleich als erstes Strafverfahren, das kann eine Frau schon ein wenig aus der Bahn werfen. Besonders falls sie selbst schon Mutter ist. Ich befürchte, dass sie überreagieren könnte.
Schöffe
Ich werde tun, was ich machen kann. Aber alle Fragen kann ich sicher auch nicht beantworten.
Vorsitzender
Das ist mir klar. Das sollen Sie auch gar nicht. Ich wollte das nur mal angesprochen haben und um Ihre Unterstützung angefragt haben.
Der Vorsitzende schaut wieder in seine Unterlagen und dann auf seine Uhr.
Vorsitzender
Ich gucke einmal, ob schon alles bereit ist.
Der Vorsitzende begibt sich zur Tür zum Sitzungssaal. Es handelt sich dabei um eine Doppeltür. Er öffnet diese und man kann ihn nur noch hören:
Vorsitzender

(Stimme)

Nein, bitte, bleiben Sie sitzen. Guten Morgen zusammen. Sind wir komplett?
Protokollführerin

(Stimme)

Es fehlt noch der Sachverständige. Er hat angerufen, dass es einige Minuten später werden können, wegen den Straßenverhältnissen.
Der Schöffe beginnt in diesem unbeobachteten Moment, in der Nase zu bohren.
Vorsitzender

(Stimme)

Ich denke, dann können wir den Angeklagten schon einmal hoch holen. Vielleicht will Herr Zimmermann noch ein paar Worte mit ihm wechseln, bevor wir beginnen.
Verteidiger

(Stimme)

Vielen Dank, Herr Vorsitzender.
Vorsitzender

(Stimme)

Sagen Sie bitte Bescheid, wenn der Herr Professor angekommen ist.
Protokollführerin

(Stimme)

Natürlich.
Vorsitzender

(Stimme)

Danke.
Der Schöffe zückt ein Taschentuch und säubert seinen Finger. Der Vorsitzende betritt wieder den Raum:
Vorsitzender
Sie sind nicht der einzige heute, der es nicht ganz pünktlich geschafft hat. Der Sachverständige ist auch noch nicht da. Aber das sollte natürlich nicht passieren. Wie viel Zeit bei der Justiz durch Warten verschwendet wird, ist manchmal schon abenteuerlich.
Schöffe
Ja, das habe ich auch schon erlebt.
Der Vorsitzende setzt sich an den Tisch und schlägt die Akte auf. Er nimmt sich einen Blatt heraus und studiert diesen. Es handelt sich um einen Auszug aus dem Bundeszentralregister.
Vorsitzender
Es ist immer wieder erschreckend, wenn man sieht, was ein Angeklagter in so einem jungen Alter schon für Vorstrafen angesammelt hat. Gerade 21 Jahre alt und sieben Eintragungen. Offensichtlich ein Drogenproblem. Aber auch einmal Körperverletzung. Und nun kommt als Höhepunkt noch ein totes Kind hinzu.
Die Tür öffnet sich und der Berichterstatter tritt ein. Er trägt eine dünne Akte in der Hand.
Schöffe
Und ist die Mutter auch vorbestraft?
Der Berichterstatter schaut angesichts des Gesprächsthemas verwundert.
Vorsitzender
Von ihr habe ich keinen BZR-Auszug vorliegen. Wie kommen Sie darauf?
Schöffe
Ich dachte, wenn der Freund etwas mit Drogen zu tun hat, dann vielleicht auch seine Freundin. Das war beim Amtsgericht nicht selten, dass dort drogenabhängige Frauen saßen.
Vorsitzender
Ich weiß es nicht. Herr Dr. Rauchhaupt, wissen Sie, ob die Mutter vorbestraft ist oder mit Drogen zu tun hatte?
Berichterstatter
Ja. Ihr wurden u.a. im letzten Jahr einmal wegen Besitz von Btm Sozialstunden auferlegt.
Vorsitzender
Herr Assauer, da hatten Sie den richtigen Riecher. Spielt aber für unsere Verhandlung vermutlich keine Rolle.
Der Schöffe ist trotzdem offensichtlich stolz.
Berichterstatter
Hier ist die Akte mit der Körperverletzung vom letzten Jahr. Lief als Strafbefehl.
Vorsitzender
Ja, habe ich schon gelesen, 60 Tagessätze. Die hat er gerade in der JVA abgesessen.
Schöffe
Was meinen Sie damit, die hat er in der JVA verbüßt?
Berichterstatter
Damit meint der Herr Vorsitzende, dass der Angeklagte die Geldstrafe nicht zahlen konnte oder wollte und deshalb sechzig Tage inhaftiert worden ist, und zwar in Unterbrechung der Untersuchungshaft für dieses Verfahren.
Schöffe
Ah so.
Berichterstatter
Das nennt man dann „Ersatzfreiheitsstrafe“.
Es entsteht eine kurze Pause, in der sowohl der Schöffe als auch der Berichterstatter nur dasitzen, während der Vorsitzende weiter in der Akte blättert. Offensichtlich wartet der Berichterstatter auf eine Gelegenheit, dem Vorsitzenden etwas zu erzählen, will ihn aber auch nicht stören. Diese Gelegenheit nimmt der Schöffe wahr.
Schöffe
(zum Berichterstatter) Haben Sie gestern Fußball geguckt?
Der Berichterstatter wird in seiner Konzentration auf den Vorsitzenden gestört und wendet sich eher widerwillig dem Schöffen zu.
Berichterstatter
Ja, habe ich.
Schöffe
War das nicht ein unglaublich packendes Spiel?
Berichterstatter
Ja, das war echt gut. Wobei man natürlich über den Ausgang streiten kann. Ich habe mit meinem spanischen Nachbarn geguckt Und wir waren völlig unterschiedlicher Meinung. Er fand das Ergebnis völlig verdient, weil die Mannschaft mit den besseren Einzelspielern ihre Klasse in den entscheidenden Momenten gezeigt hätte. Ich fand das Ergebnis völlig ungerecht, weil der Außenseiter deutlich aktiver und besser war.
Schöffe
Ich denke auch, dass ein Unentschieden gerecht gewesen wäre. Was die auch für Chancen vergeben haben. Das kann man mit Pech allein nicht erklären. Da mangelte es schon an Klasse.
Berichterstatter
Da mögen Sie Recht haben. Aber so ist Fußball. Ich halte es sowieso mit dem Spruch: „Nicht der bessere soll gewinnen, sondern Schalke.“
Schöffe
Nein, doch nicht Schalke.
Berichterstatter
Das habe ich von meinem Vater geerbt und werde ich auch nicht mehr los.
Schöffe
Es ist wohl so. Jeder will, dass seine Mannschaft gewinnt. Und auch, wenn sie schlechter spielt als der Gegner. Auch wenn ein Sieg sehr glücklich und nicht verdient ist. Aber darum geht es im Fußball nicht. Es geht nur um Tore.
Vorsitzender

(unterbricht das Gespräch)

Herr Dr. Rauchhaupt, haben Sie noch in Erinnerung, wo die Vernehmung der Schwester aus dem Krankenhaus ist? Ich habe das nicht notiert.
Berichterstatter
Ja, das muss ziemlich am Anfang gewesen sein. Das war keine richtige Vernehmung, sondern nur ein Polizeivermerk.
Der Berichterstatter geht zum Vorsitzenden, während dieser in der Akte blättert. Er schaut ihm über die Schulter.
Berichterstatter
Noch weiter vorne.
Da war es gerade.
Hier, Blatt 22.
Vorsitzender
Sehr schön, vielen Dank.
Der Vorsitzende notiert die Seitenzahl.
Berichterstatter
In der Sache Meyerhofer hat gerade Rechtsanwalt Müller angerufen. Wegen der Haftbeschwerde. Er hat noch einmal ausgeführt, dass aus seiner Sicht alle Argumente dafür sprächen, seinen Mandanten aus der Haft zu lassen oder zumindest den Haftbefehl außer Vollzug zu setzen. Ich habe ihm gesagt, dass ich seine Worte in meinem Herzen bewegen werde. Und wissen Sie, was mir der daraufhin antwortet?
Vorsitzender
Was?
Berichterstatter
Wenn es für das Hirn nicht reicht, nähme er auch gern das Herz.
Vorsitzender
Nein, das hat er nicht.
Während der Vorsitzende ungläubig auf den Berichterstatter sieht, schüttelt der Schöffe den Kopf.
Berichterstatter
Doch wortwörtlich. Ich war völlig sprachlos, habe nur gesagt: Bitte? Da hat er dann gesagt, das wäre nur ein Spaß gewesen, und sich entschuldigt.
Vorsitzender
Unglaublich.
Berichterstatter
Manche Menschen wissen nicht, wo sie besser den Mund halten sollten. So was kann man mal spontan denken, aber doch nicht sagen. Als Rechtsanwalt.
Vorsitzender
Wenn er an den Falschen gerät, dann würde sein Mandant schon allein deswegen nicht herauskommen.
Berichterstatter
Und der ist noch ganz jung. Noch nicht lange Anwalt.
Schöffe
Dann muss er noch einiges lernen.
Während der Vorsitzende weiter in der Akte blättert und der Schöffe in sich gekehrt auf das weitere Prozedere wartet, öffnet sich die Tür und die Schöffin kommt mit der Beisitzerin zusammen in das Zimmer.
Beisitzerin
Sind wir zu spät?
Vorsitzender
Nein, der Sachverständige ist noch nicht da. Frau Hoffmeier sagt Bescheid.
Die Beisitzerin nickt erleichtert und setzt sich auf ihren Stuhl. Die Schöffin nimmt daneben Platz.
Schöffin
(zur Beisitzerin) Meine Schwester hat dann Geschichte studiert. Da habe ich mich auch gefragt, was macht die später damit. Aber gleichzeitig hat sie das ungemein interessiert.
Beisitzerin
Und was macht sie jetzt?
Schöffin
Sie ist Journalistin geworden.
Alle fünf Richter sitzen zusammen. Der Vorsitzende schaut von der Aktenlektüre auf.
Vorsitzender
Ich habe eben noch etwas vergessen, worüber ich mit Ihnen reden möchte. Ich weiß es nicht, Herr Assauer, wie es beim Amtsgericht gewesen ist, jeder Vorsitzender Richter hat da seine eigene Herangehensweise. Ich möchte Sie bitten, in der Hauptverhandlung das Stellen der Fragen mir und den Berufsrichtern zu überlassen. Das hat nichts mit Misstrauen Ihnen gegenüber zu tun, sondern nur damit, dass Schöffen nicht genau wissen können, wie vor Gericht gefragt wird. Und ich möchte nicht erleben, dass vom Schöffen Fragen als unzulässig von der Verteidigung beanstandet werden. Außerdem könnte es noch schlimmer kommen und bei einer unbedachten Formulierung ein Befangenheitsantrag drohen. Das habe ich vorhin schon erklärt.
Schöffin
Bedeutet das dann, dass wir in der Hauptverhandlung nur zuhören dürfen?
Vorsitzender
Das bedeutet, dass Sie sich in der Hauptverhandlung gerne Notizen machen dürfen oder Fragen aufschreiben dürfen, die Ihnen wichtig erscheinen. Wenn Sie die Fragen für ganz besonders wichtig, für entscheidend halten, so sprechen Sie bitte einen von meinen beiden Kollegen flüsternd an oder schieben ihm die notierte Frage hin. Wenn er auch meint, dass diese Frage von besonderer Bedeutung ist, wird er sie entweder selbst stellen oder mich danach fragen. Wenn nicht, dann werden wir Ihnen bei der nächsten Unterbrechung erklären, warum wir diese Frage nicht gestellt haben. Hier im Beratungszimmer können Sie sagen, was Sie wollen und wie Sie es wollen und soviel Sie wollen. Aber bitte nicht draußen.Sind Sie damit einverstanden?

Schöffe
Ja natürlich.
Schöffin
Schon. Ich weiß natürlich noch nicht, wie es in so einer Verhandlung aussieht. Ich habe auch gar nichts zu schreiben mit. Kann mir jemand etwas leihen.
Beisitzerin
Selbstverständlich.
Die Beisitzerin nimmt ein paar Seiten leeres Papier und schiebt sie mit einem Stift zur Schöffin.
Schöffin
Vielen Dank.
Die Tür zum Verhandlungssaal öffnet sich währenddessen und die Protokollführerin schaut hinein.
Protokollführerin
Es sind alle da.
Vorsitzender
Vielen Dank, Frau Hoffmeier. Wir sind sofort da.
Die Protokollführerin nickt und schließt die Tür. Der Vorsitzende und die beiden anderen Berufsrichter nehmen ihre Roben und ziehen sie über ihre Kleidung. Die Beisitzerin holt ein weißes Tuch heraus und bindet es sich um. Die Schöffen schauen sich an.
Schöffe
Wir brauchen uns nicht zu verkleiden.
Die Schöffin lächelt. Die Berufsrichter sind bereit.
Vorsitzender
Herr Assauer, gehen Sie bitte zuerst und bis zum letzten Stuhl. Frau Schmidt, würden Sie so freundlich sein und als letztes kommen und die Türen schließen.
Schöffin
Natürlich.
Vorsitzender
Dann wollen wir mal. Auf in die Schlacht.
Alle Mitglieder des Gerichts begeben sich durch die Seitentür in den Sitzungssaal. Nach dem Schöffen gehen der Berichterstatter, der Vorsitzende und die Beisitzerin, am Ende die Schöffin.
Vorsitzender

(Stimme)

Ich möchte Sie bitte, noch einen Augenblick stehen zu bleiben, wir haben noch eine Schöffin zu vereidigen.
Die Tür schließt sich.
Copyrights © 2014 & Jochen Thielmann. Alle Rechte vorbehalten.