2. Akt – 1. Szene

Die Bühne ist gut zu erkennen. Die Uhr zeigt halb zwei. Die Tür öffnet sich und die beiden Schöffen betreten zusammen mit dem Vorsitzenden, dem Berichterstatter und einem weiterer Mann den Raum. Alle drei Männer tragen eine Anzugsjacke, eine weiße Krawatte und eine Robe in der Hand bzw. über dem Arm. Der dritte Mann trägt eine dicke Akte in der Hand. Die Schöffen haben Wintermäntel an. Die Schöffin trägt darunter eine Bluse und eine schwarze Stoffhose. Der Schöffe hat im Vergleich zum ersten Tag nur einen anderen Pullover an.

1. Szene

Der Vorsitzende wendet sich an die Schöffen.

Vorsitzender

Sie können natürlich solange hier warten. So eine Haftbefehlsverkündung wird nicht allzu lange dauern. Und gleich im Anschluss geht es dann mit unserem Verfahren weiter.
Berichterstatter

(zum dritten Richter)

Wer ist denn bei dem mittlerweile der Verteidiger?
Dritter Richter

Der Strauß.
Berichterstatter

Oh Mann.
Die drei Berufsrichter streifen die Roben über und gehen sofort durch die Tür des Sitzungssaals. Die Schöffen bleiben alleine zurück. Sie ziehen ihre Mäntel/Jacken aus und hängen diese an den Kleiderhaken.
Schöffin

Das hätten sie uns auch vorher mal mitteilen können.
Schöffe

Der Vorsitzende hat die Geschäftsstelle damit beauftragt, aber es ist wohl untergegangen.
Schöffin

Woher wissen Sie das?
Schöffe

Das hat mir der Vorsitzende gerade gesagt, bevor Sie gekommen sind.
Schöffin

Na gut. Dann müssen wir wohl oder übel ein wenig warten.
Beide setzen sich an den Tisch und es beginnt eine kurze Zeit des Schweigens.
Schöffin

Wir können doch die Zwischenberatung auch erst mal ohne die Berufsrichter beginnen. Die reden doch bestimmt auch ohne uns über die Sache und stimmen sich vielleicht sogar ab. Dann dürfen wir das sicher auch.
Schöffe

Abstimmen vielleicht lieber nicht. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es verboten ist, miteinander zu diskutieren. Wir dürfen nur unter uns Richtern über den Fall sprechen. Also auch nur wir beide.
Schöffin

Und wie finden Sie die ersten sechs Verhandlungstage?
Schöffe

Im Vergleich zum Amtsgericht muss ich sagen, dass das Alles schon sehr viel aufregender ist. Eine so lange Verhandlung habe ich da nie mitgemacht, auch wenn es dort wohl hin und wieder auch lange Sitzungen gegeben hat. Aber hier wird schon alles abgeklopft.
Schöffin

Ich finde es auch alles sehr spannend. Aber trotz der Gründlichkeit habe ich noch keine Ahnung, was genau dort passiert ist.
Schöffe

Die Hauptverhandlung ist auch noch nicht zu Ende.
Schöffin

Sie meinen, dass wir bis zum Ende der Hauptverhandlung klar sehen werden?
Schöffe

Davon gehe ich aus.
Schöffin

Ist es denn Ihrer Erfahrung nach so, dass man am Ende weiß, wie es gewesen ist?
Schöffe

(nickt)

In den allermeisten Fällen.
Schöffin

Und was, wenn nicht?
Schöffe

Dann muss man sich besonders anstrengen.
Die Schöffin lächelt. Sie nimmt aus ihrer Tasche einen Schnellhefter mit Zetteln, die sich als Ausdrucke aus dem Internet herausstellen.
Schöffe

Was haben Sie denn da?
Schöffin

Ich habe zuletzt ein paar Mal im Internet recherchiert.
Schöffe

Was meinen Sie damit, „recherchiert“?
Schöffin

Über das „Schütteltrauma“ bei Kleinkindern. Was das genau ist, wie man das feststellt, so was alles. Das ging mir bei den Medizinern alles zu schnell, das konnte ich gar nicht alles aufschreiben, geschweige denn behalten. Und da habe ich im Internet nachgeschaut. Auch ob es andere Urteile von Gerichten dazu gibt.
Schöffe

Und was haben Sie dabei erfahren?
Schöffin

Ich habe viele interessante Dinge gelesen. Zum Beispiel, dass die Diagnose „Schütteltrauma“ zum ersten Mal ca. 1970 aufgestellt wurde. Vorher hat kein Mensch gewusst, was mit den Kindern passiert war, denn es gab ja äußerlich keine sichtbaren Verletzungen. Vorher hat man die Fälle als „plötzlichen Kindstod“ angesehen. Da frage ich mich, wie viele Babys in der Geschichte der Menschheit schon so gestorben sind, ohne dass es für die Täter irgendwelche Konsequenzen hatte.
Schöffe

Das wusste ich nicht.
Schöffin

Oder hier ist zum Beispiel diese Studie aus Amerika, die solche Fälle miteinander verglichen hat und durch die mir erst klar wurde, dass nicht sofort nach dem Schütteln das Kind blau anläuft. Sondern dass das Stunden dauern kann. Bisher hatte ich immer gedacht, das passiert sofort.
Schöffe

Das habe ich auch so verstanden. Und ich glaube, die Staatsanwaltschaft hat das auch so gemeint. Wenn man die Anklageschrift hört, dann scheint es so gewesen zu sein, dass man sich auf die polizeiliche Vernehmung des Angeklagten bezogen hat, nach der er das Kind geschüttelt hat, bevor er den Notarzt gerufen hat.
Schöffin

Ja, aber der hat doch gesagt, er habe das Kind in der Wiege blau angelaufen vorgefunden und dann im Versuch der Reanimation das Baby zuerst aufs Bett gelegt, kurz geschüttelt, Mund-zu-Mund-Beatmung gemacht und locker auf die Wangen geschlagen.
Schöffe

Das hat der wohl gesagt.
Schöffin

Aber das bedeutet doch, dass der kritische Zustand des Babys schon vor diesem Schütteln vorhanden war. Schließlich war es da schon blau.
Schöffe

Das stimmt – unter der Voraussetzung, dass der Angeklagte tatsächlich die Wahrheit gesagt hat.
Schöffin

Ja, davon ist man abhängig. Aber gehen wir davon aus, dass er bei der Polizei die Wahrheit gesagt hat, dann kommt dieses eingestandene Schütteln nicht mehr als Ursache für die Verletzung infrage.
Schöffe

Das stimmt. Aber was macht es für einen Unterschied, ob das Kind eine halbe Stunde oder eine Stunde vor dem Rufen des Krankenwagens geschüttelt wurde. Entscheidend ist doch, dass es passiert ist.
Schöffin

Das ist natürlich richtig.
Schöffe

Und ist es nicht bezeichnend, dass er ein Schütteln zugegeben hat, auch wenn er es in die Zeit nach dem Blauwerden verlegt hat?
Schöffin

Ich finde das alles sehr kompliziert. Ich hatte mir das alles sehr viel leichter vorgestellt. Sind alle Fälle so schwierig?
Schöffe

Nein, nicht alle. Die meisten sind ganz leicht. Da machen die Angeklagten ein Geständnis und dann muss man sich nur noch über die Strafe Gedanken machen. Und das haben die Berufsrichter alles schon hundertmal gemacht, da kennen sie sich aus, wie hoch in bestimmten Fällen bei diesem Gericht die Strafen sind. Und manchmal hatten sie sich schon mit dem Staatsanwalt und mit dem Verteidiger unterhalten. So wie wir das am ersten Hauptverhandlungstag erlebt haben – nur dass man zu einem Ergebnis gekommen ist. Und nicht wie hier bis heute nicht weiß, ob er nun gesteht oder nicht. Und wenn so etwas passiert, ist man als Schöffe sowieso überflüssig.
Schöffin

Das fände ich ja noch schlimmer. Wenn alles schon feststeht und man nur noch nicken muss.
Schöffe

Dann seien Sie froh, dass es hier bisher anders läuft. Hier können wir am Ende wahrscheinlich darüber mitsprechen, wie es ausgeht, nicht nur welche Strafe er bekommt. Ich habe hier am Landgericht auch keine Erfahrung, aber am Amtsgericht waren die Strafen teilweise von Richter zu Richter unterschiedlich, obwohl es um dieselben Dinge ging.
Schöffin

Es kommt also auch darauf an, welchen Richter man hat? Wenn man Glück hat, eine geringe Strafe, wenn man Pech hat, eine harte Strafe?
Schöffe

So ist das. Ich habe sogar mal von einem Richter gehört, der von einem anderen Gericht hierhin versetzt worden war, dass sein vorheriges Gericht viel höhere Strafen gegeben habe als dieses hier. Unabhängig vom einzelnen Richter waren die „Tarife“ dort wesentlich höher. So nennen Richter das.
Schöffin

Das ist ja ganz verrückt. Da spielt ja Glück oder Pech wirklich eine viel größere Rolle, als ich bisher geglaubt habe.
Schöffe

Ja, das stimmt wohl.
Schöffin

Na toll. Schöffen sind doch nach dem Gesetz nicht dazu da, zu allem „Ja und Amen“ sagen, was die Richter entscheiden, weil sie es so für richtig halten oder das in diesem Bezirk nun mal die „Tarife“ sind. Schon dieses Wort finde ich ätzend.
Schöffe

Die Berufsrichter haben doch viel mehr Ahnung als wir, oder wollen Sie das bestreiten? Die haben das juristische Rüstzeug, die haben die Erfahrung, die haben im Gefühl, welche Zeugen lügen und welche die Wahrheit sagen.
Schöffin

Wie kann man denn so was besser im Gefühl haben, nur weil man schon längere Zeit Richter ist? Das hat mit Menschenkenntnis zu tun und Sie und ich haben auch Menschenkenntnis. Das können wir dann genauso gut.

Wenn die alles besser können, dann könnten sie ja auch alles alleine machen, dann bräuchte es keine Schöffen mehr. Dann muss man das Gesetz ändern und Schöffen abschaffen.

Schöffe

Das Gefühl habe ich auch manchmal. Eine Schöffin, die mittlerweile nicht mehr tätig ist, hat mir auch mal gesagt, dass aus ihrer Sicht Schöffen eigentlich überflüssig sind. Nicht nur, dass die Richter sowieso immer selbst entscheiden würden, auch dass sie sich immer noch die Zeit nehmen müssen, den Schöffen alles zu erklären.
Schöffin

(überlegt) Da ist es ja gut, dass die aufgehört hat. Bei so einer Einstellung.
Schöffe

Aber sie hat nicht ganz Unrecht.
Schöffin

(erregt)

Was heißt denn „nicht ganz Unrecht“. Sie haben als Schöffe doch eine Aufgabe, das Gesetz verlangt doch von Ihnen, dass Sie diese Aufgabe erfüllen. Da können Sie sich doch nicht zurücklehnen und sagen, „Die Richter machen das schon, die wissen sowieso alles besser“, oder „Ich will lieber nicht stören und nicht zuviel fragen“. Was ist das denn für eine Einstellung. Was haben Sie denn die ganzen fünf Jahre getan?
Schöffe

(wird laut) Entschuldigung! Sie können hier doch nicht zum ersten Mal in einem Strafverfahren dabei sein und dann den anderen mitteilen, wie es geht und was man in der Vergangenheit schon alles falsch gemacht hat. Als ob Sie wüssten, wie ich mich bisher in den Verfahren verhalten haben. Was ist das denn für eine Einstellung, frage ich Sie?
Es folgt eine Zeit der Stille.
Schöffin

Entschuldigen Sie, Herr Assauer, ich wollte Sie nicht persönlich angreifen. Es ist nur: Vieles, was ich hier höre, kann ich nicht verstehen. Ich hatte mir das alles ganz anders vorgestellt.
Es folgt eine Zeit der Stille.
Schöffin

Wie waren denn Ihre Erfahrungen aus den letzten fünf Jahren? Gab es immer Einigkeit mit dem Richter oder auch mal Streit?
Schöffe

Zunächst einmal muss ich sagen, dass ich gar nicht freiwillig Schöffe geworden bin. Die haben mich ausgelost und dann bin gewählt worden. Ganz ohne mein Zutun. Und anfangs war mir das auch sehr lästig. Da – das muss ich zugeben – habe ich auch oft nicht so richtig aufgepasst und konnte nicht erwarten, bis ich wieder bei der Arbeit war. Das ist dann aber im Laufe der Jahre anders geworden, denn sonst hätte ich mich nicht bei der nächsten Schöffenwahl aufstellen lassen. Ich war beim sogenannten Schöffengericht. Da war ich stets mit einem anderen Schöffen bei einem Vorsitzenden Richter. Da ging es auch nicht um schwerste Straftaten. Mehr als vier Jahre Haft durften wir sowieso nicht verhängen.

Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Ich kann mich nicht erinnern, dass es jemals zu echtem Streit gekommen wäre. Natürlich haben wir diskutiert, aber nicht gestritten. Ich habe den Richter schon mal gelöchert. In den meisten Fällen war auch alles klar, da haben die Angeklagten ein Geständnis gemacht. Wenn nicht, dann lag es halt daran, was die Zeugen sagen. Auf die wird meisten ein Urteil gestützt. Und dann spricht man noch über die Höhe der Strafe und da ist es auch schon mal vorgekommen, dass ich zusammen mit dem Kollegen oder der Kollegin den Richter überstimmt haben. Einmal wollte der Richter dem Angeklagten noch Bewährung geben, obwohl der schon vorbestraft war und kurz zuvor wegen einer ähnlichen Sache mangels Beweises freigesprochen worden war. Da habe ich mich mit dem Schöffen verbündet und der hat keine Bewährung mehr bekommen.

Schöffin

Waren Sie schon mal im Gefängnis?
Der Schöffe guckt leicht irritiert.
Schöffin

Ich meine jetzt nicht als Insasse, sondern zu Besuch. Also nicht zum Besuch eines Häftlings, sondern – so eine Art Führung, damit man sehen kann, wie ein Gefängnis so ist?
Schöffe

Nein,. das habe ich nicht. Das wird aber auch nicht angeboten. Früher war das wohl mal so, aber heute hat man dafür kein Geld mehr.
Schöffin

Das würde mich sehr interessieren. Richter sollten doch wissen, wohin sie die Angeklagten schicken.
Schöffe

Da haben Sie wohl Recht.
Es folgt eine kurze Pause.
Schöffin

Aber es gab bei Ihnen keinen Fall, der insgesamt auf der Kippe stand? Wo man nicht wusste, ob der Angeklagte das war oder nicht?
Schöffe

Es gab schwierige Beweissituationen. In solchen Situationen habe mich aber immer an den Vorsitzenden gehalten. Wenn der gesagt hat, „Es reicht“, dann hat mir das auch gereicht. Und wenn der sagte, „“Es reicht nicht“, dann nicht. Aber es war nie so, dass ich für eine Verurteilung gestimmt habe, wenn ich von der Unschuld des Angeklagten überzeugt war.
Schöffin

(überlegt)

Kam das oft vor? Ich meine, dass Sie von der Unschuld des Angeklagten überzeugt waren?
Schöffe

Nein, nicht oft. Und dann war das immer offensichtlich. Die meisten Angeklagten sind aber wirklich schuldig, so wie ich das sehe. Aber hin und wieder verirrt sich auch ein Unschuldiger in den Fängen der Justiz. Und wenn das offensichtlich ist, spricht man natürlich gerne frei.
Schöffin

Bekommen Sie eigentlich gesagt, wenn ein Urteil, an dem Sie beteiligt waren, später aufgehoben wird? Und ob der Angeklagte später freigesprochen wurde?
Schöffe

Nein, das weiß man nicht. Sobald das Urteil gesprochen ist, hat man mit der Sache nichts mehr zu tun. Mir ist auch noch nie vorgekommen, dass ich mehrmals denselben Angeklagten da sitzen hatte. Anderen Schöffen aber sehr wohl.
Schöffin

Ich habe mir vorgestellt, dass Schöffen mehr Einfluss nehmen können. Und mich würde auch interessieren, wenn tatsächlich mal ein Urteil aufgehoben würde, bei dem ich dabei war – und vor allem warum. Davon könnte ich doch auch lernen. Es bringt ja nichts, wenn ich in fünf Jahre nicht viel mehr weiß als heute.
Schöffe

Sie machen schon Ihre Erfahrungen.
Schöffin

Aber ich weiß nicht, ob das, was ich getan habe, richtig gewesen ist oder nicht.
Schöffe

Davon sollten Sie doch ausgehen. Wenn, dann haben sich alle geirrt.
Schöffin

Wenn alles richtig wäre, was Gerichte tun, gäbe es ja gar keine Urteile, die durch höhere Gerichte aufgehoben werden. Und das liest man doch hin und wieder in der Zeitung. Und dann nur bei spektakulären Fällen. Es wird sicher auch noch andere, unbekannte Verfahren geben, die aufgehoben werden.
Schöffe

Ja, wahrscheinlich.

Ich finde gut, dass Sie so interessiert sind. Aber Sie sollten sich vielleicht besser nicht so viele Gedanken machen. Wir haben schon ein gutes Rechtssystem. Ein Richter hat mir mal erzählt, dass nur fünf Prozent der Urteile aufgehoben werden, und dann oft nur aus formalen Gründen. Das ist bestimmt keine schlechte Quote.

Schöffin

Ja, aber dieser Fall ist wahrscheinlich auch etwas Besonderes. Zumindest wenn ich höre, was Sie über die anderen Verfahren berichten, in denen es meist Geständnisse gibt. Hier haben wir aber kein Geständnis.
Schöffe

Ja, aber das heißt nicht, dass der unschuldig ist. Und schließlich redet er nicht, erzählt nicht, was geschehen ist. Das könnte er doch tun, wenn er sich nichts vorzuwerfen hätte, oder?
Schöffin

Das stimmt.
Schöffe

Na, sehen Sie. Das sind so kleine Hinweise darauf, dass da was nicht stimmt.
Schöffin

Er hat aber bei der Polizei geredet.
Schöffe

Das tun viele im ersten Moment, weil sie denken, Schweigen würde die Polizei erst recht misstrauisch machen. Das heißt also noch nichts. Also, wenn ich Angeklagter wäre, ohne was damit zu tun zu haben, dann würde ich auch vor Gericht reden. Das würde ich mir nicht nehmen lassen.
Schöffin

Aber er hat ja schon einmal was gesagt und man hat ihm nicht geglaubt. Oder vielleicht hat ihn ja auch sein Verteidiger falsch beraten. Ich habe versucht, den zu googeln und festgestellt, dass er keine eigene Internetseite hat. Das finde ich in der heutigen Zeit schon komisch. Wie kommt der denn an Mandanten. Auf einer Seite der Anwaltskammer – oder des Anwaltverein, ich weiß nicht mehr so genau – habe ich dann gesehen, dass der Fachanwalt für Verkehrsrecht ist. Das fand ich dann noch komischer. Aber das passt ja auch irgendwie zu seiner Vorstellung. Von der Seite kommt ja kaum etwas. Der hat an den sechs Verhandlungstagen im Saal weniger geredet als in dem Dealgespräch am ersten Tag. Den würde ich ja gerne mal darauf ansprechen und ein bisschen Feuer machen.
Schöffe

Die Richter mögen nicht, wenn man mit Verteidigern spricht. Weil das angeblich zu gefährlich ist. Weil man sich verplappern könnte. Aber ich rede doch sowieso nicht mit einem Anwalt über das Verfahren. Höchstens mal über andere Sachen.

Ich erinnere mich an einen Verteidiger, den ich mal auf der Fahrt zum Gericht gesehen habe, weil sein Auto liegen geblieben war. Auf dem Gerichtsflur habe ich dann später mit ihm darüber geredet. Und der Vorsitzende wurde darüber dann von einem Wachtmeister informiert und bat mich, dies doch zu unterlassen. Ich habe ihm dann versichert, dass es gar nicht um das Verfahren gegangen ist, sondern um die Autopanne. Wissen Sie, warum der Verteidiger nicht weiterfahren konnte?

Schöffin

Nein.
Schöffe

(lachend)

Weil er beim Tanken Diesel und Super verwechselt hatte. Das war aber auch ein Clown. Daran können Sie sehen, dass auch Strafverteidiger zuweilen verpeilt sind.
Schöffin

Ich kenne ja noch nicht viele Verteidiger. Eigentlich kenne ich gar keinen, außer den hier Tätigen. Und was der so tut, scheint mir zu wenig zu sein.
Schöffe

Ja, ich finde auch, dass da mehr kommen könnte, aber das ist nicht unsere Baustelle.
Schöffin

Ich weiß ja nicht. Wenn der nichts tut und wir uns auch darüber keine weitergehenden Gedanken machen, wer tut es denn dann? Welche Möglichkeiten hat denn überhaupt ein Verteidiger, Einfluss zu nehmen, ich meine jetzt außer dem Plädoyer ganz am Ende?
Schöffe

Ein Verteidiger kann die Zeugen befragen oder Beweisanträge stellen, wenn er möchte, dass etwas aufgeklärt wird. Er kann auch Stellung zu Zeugenaussagen nehmen, wenn er will.
Schöffin

Will der aber offensichtlich nicht.
Schöffe

Was sollte er denn ihrer Meinung nach tun?
Schöffin

Das weiß ich auch nicht so genau. Sich wehren. Sich nicht so in sein Schicksal ergeben. Der Angeklagte selbst kann das offenbar nicht. Bei dem frage ich mich, ob der überhaupt zuhört.
Schöffe

Das braucht er nicht, wenn er nicht will. Er muss nur die Möglichkeit dazu haben. Aber wer nicht will, der will nicht. Man kann ihn nicht zwingen.
Schöffin

Haben Sie schon einmal erlebt, dass ein Angeklagter erkennbar nicht zugehört hat?
Schöffe

Ich habe schon mal erlebt, dass ein Schöffe nicht zugehört hat – weil er nämlich eingeschlafen war. Da wurden viele Seiten aus der Akte vorgelesen, das war nicht besonders spannend, und plötzlich machte die Protokollführerin die Vorsitzende Richterin darauf aufmerksam, dass der Kollege eingeschlummert war. Dann wurde die Verhandlung sofort unterbrochen, der junge Mann im Beratungszimmer zusammengestaucht und dann die ganze Prozedur wiederholt, weil sonst das Urteil nicht korrekt zustande gekommen wäre.
Schöffin

Das ist ja peinlich.
Schöffe

Das kann ich Ihnen sagen; der junge Kollege hatte einen hochroten Kopf, als die Vorsitzende in der Hauptverhandlung erklärte, was passiert ist und dass wir alles noch einmal machen müssen.
Schöffin

Ich kann nur hoffen, dass mir das nie passiert.
Schöffe

Mir ist das bis heute nicht passiert, toi toi toi. Aber es gibt schon sehr langweilige Tage, da denkt man an alles Mögliche, aber nicht an den Prozess.
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