2. Akt – 2. Szene

2. Szene

Die Beisitzerin betritt den Raum. Sie trägt einen Ordner.

Beisitzerin
Hallo zusammen.
Schöffen
Guten Tag
Die Beisitzerin setzt sich an den Beratungstisch, nachdem man sich die Hände gereicht hatte
Beisitzerin
Ist es schon losgegangen?
Schöffe
Sie meinen die Sache mit dem Haftbefehl? Ja, das läuft schon.
Schöffin
Warum sind Sie denn nicht auch dabei?
Beisitzerin
Weil ich in diesem Verfahren nicht mitmache, sondern der Kollege Harrach. Ich bin nur mit halber Kraft in dieser Kammer, daneben mache ich derzeit auch Bausachen.
Schöffe
Das ist ja was ganz anderes. Außer vielleicht in Mafia-Verfahren, wo die Opfer eingemauert werden…
Beisitzerin

(lächelt etwas gequält)

So einen Fall hatte ich bisher noch nicht. Hierzulande ist das aber auch nicht üblich, würde ich sagen.
Schöffin
Darf ich Ihnen eine Frage stellen?
Beisitzerin
Ja klar.
Schöffin
Ich habe mal im Internet geguckt, weil mich der Verteidiger nervt, und da habe ich festgestellt, dass der eigentlich Fachanwalt für Verkehrsrecht ist und Strafverteidigung nur unter ferner liefen angegeben ist. Wie kann es denn sein, dass der hier den Mann verteidigt?
Beisitzerin

(zuckt mit den Schultern)

Jeder kann selbst entscheiden, wen er als Verteidiger nehmen will. Wahrscheinlich hat der Angeklagte ihn ausgesucht, weil er ihn kannte. Vielleicht hat er sich auch einmal um einen Verkehrsunfall von ihm oder seiner Familie gekümmert, wer weiß.
Schöffin
Aber der ist doch Pflichtverteidiger.
Beisitzerin
Das heißt noch nichts. Es werden zunächst einmal die Anwälte beigeordnet, die sich der Angeklagte wünscht. In den meisten Fällen ist das auch so.
Schöffin
Ach so. (Pause) Und was ist in den Fällen, in denen der Angeklagte keinen Anwalt oder Verteidiger kennt? Oder sich einfach nicht entscheiden kann oder will?
Beisitzerin
Dann sucht der zuständige Richter einen für ihn aus. Meist der Haftrichter, wenn ein Beschuldigter in Untersuchungshaft sitzt.
Schöffin
Wissen Sie, ob sich der Angeklagte selbst den Anwalt gewählt hat oder ein Richter?
Beisitzerin
Das weiß ich nicht. Das wird sich aus der Akte ergeben. Spielt für mich aber auch keine Rolle. Jeder Verteidiger muss seine Arbeit gut machen, egal wer ihn beauftragt hat.
Schöffin
Das finde ich auch. Aber irgendwie macht er seine Arbeit nicht gut. Und wenn er in erster Linie Verkehrsunfälle bearbeitet, könnte das eine Erklärung sein. Man muss schon ein bisschen dumm sein, um sich so einen Verteidiger auszusuchen.
Die Beisitzerin lächelt.
Schöffin
Wie lange sind Sie schon Richterin, also in einer Strafkammer?
Beisitzerin
Seit gut fünfzehn Monaten. Am Anfang kommt man als Richter zunächst in verschiedene Abteilungen. Ich war kurz Strafrichterin am Amtsgericht und auch schon in einer Zivilkammer. Und jetzt bin ich hier.
Schöffin
Macht es Ihnen Spaß?
Beisitzerin
Ich finde es sehr interessant, aber auch schwierig. Und ich empfinde einen anderen Druck als bei Zivilsachen. Es ist schon etwas anderes, ob jemanden dazu verurteilt, Schadensersatz zu zahlen, oder ob man jemanden jahrelang ins Gefängnis schickt.
Die Beisitzerin überlegt ein wenig.
Beisitzerin
Was mir am Anfang als Strafrichterin schwer fiel, war der Umstand, dass man zu sehr Krimis im Kino, im Fernsehen oder in Büchern im Kopf hat und dass das Leben selbst anders abläuft als ein Roman oder ein Film.
Schöffin
Wie meinen Sie das?
Beisitzerin
Ich meine das so: Wir sind aufgewachsen – ich bin aufgewachsen – mit Filmen und Büchern, vor allem Krimis. Noch während des Studiums habe ich zur Entspannung mit Vorliebe Krimis gelesen oder geguckt. Und in diesen Filmen oder Romanen macht immer alles Sinn. Kein Detail kommt am Anfang vor, das am Ende nicht wichtig wäre oder einen Sinn ergibt. Wenn man ein bisschen geübt ist, kann man schon sehr früh erkennen, an welchen Stellen die Weichen gestellt werden und wer der Täter ist. Man braucht keine Miss Marple zu sein. Zeigen Sie mir einen Tatort und ich kann Ihnen nach fünfzehn Minuten den Täter nennen. Mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit jedenfalls.Und später bei den Klausuren im Studium oder im Referendariat ist es ähnlich – man bekommt Fallakten und bestimmte Formulierungen führen zu bestimmten juristischen Problemen, die man lösen muss.

Und dann sitzt man da als Richterin und bekommt echte Akte, nicht nur bearbeitete. Es gibt keine absichtlich eingebauten Fehler. Und dann liest man zunächst so, als ob bestimmte Details in jedem Fall eine Bedeutung haben müssen. Und als ob alles am Ende so zusammenpasst, dass es ein stimmiges Bild ergibt.

Schöffin
Und das tut es nicht.
Beisitzerin
Genau, nur ganz selten. Bei den kleinen Fällen beim Amtsgericht – ich war achtzehn Monate Strafrichterin dort – da ist das meiste noch überschaubar. Es gibt halt nicht so viele Details, auf die man achten muss. Aber wenn man dann beim Landgericht ist und die Akten hunderte Seiten haben, stellt man nach einiger Zeit fest, dass bestimmte Details gar nichts bedeuten müssen. Dass am Ende kein stimmiges Bild zustande kommt. Und dass man sich selbst dabei erwischt, das stimmige Bild nach den eigenen Vorstellungen zu erschaffen, obwohl es vielleicht sogar im Widerspruch zu manchen Beweisergebnissen steht. Das ist natürlich gefährlich. Im Mittelpunkt hat immer das Beweisergebnis zu stehen und nicht die eigene Vorstellung davon, was dort passiert sein muss.
Schöffin
Ich verstehe. Die Wirklichkeit ist oft verrückter als jeder Roman oder Film.
Beisitzerin
Zumindest unerklärbarer. Es passieren Dinge ganz ohne Grund bzw. aus einem Grund, der mit dem Fall selbst gar nichts zu tun hat. Aus reinem Zufall findet sich das aber dann in der Akte wieder und man zermartert sich anfangs den Kopf, was das denn wieder zu bedeuten hat.
Schöffin
Es ist wohl nicht leicht, Richter zu sein.
Beisitzerin

(schüttelt den Kopf)

Hatten Sie es sich leicht vorgestellt, Schöffin zu sein?
Schöffin
Das nicht, aber über eine Beeinflussung durch Filme oder Romane habe ich mir keine Gedanken gemacht. Aber das macht schon Sinn.
Beisitzerin
Ich glaube, wenn man sich dessen bewusst ist, ist die Gefahr schon so gut wie gebannt. Und man hat beim Landgericht immer noch Kollegen, die einen kontrollieren.
Schöffin
Oder die man selbst kontrollieren muss.
Beisitzerin
Ja klar, das funktioniert natürlich in beide Richtungen. Sollte.
Schöffin
Und wenn das Urteil gesprochen ist, kann immer noch ein höheres Gericht überprüfen, ob es in Ordnung geht.
Beisitzerin
Ja, bei den kleineren Sachen, die beim Amtsgericht beginnen, gibt es noch zwei mögliche Instanzen, Berufung zum Landgericht, Revision zum Oberlandesgericht. Und bei den größeren Sachen, die man beim Landgericht anklagt, gibt es nur noch die Revision zum Bundesgerichtshof. Da wird dann das Urteil auf Rechtsfehler überprüft.
Schöffin
Also, das heiß, bei dem Kleinkram hat man zweimal die Möglichkeit einer Überprüfung, bei den schweren Straftaten nur einmal?
Beisitzerin
Ja genau, so ist das.
Schöffe
Und warum ist das so?
Schöffin
Ich denke auch, dass es umgekehrt doch mehr Sinn machen würde.
Beisitzerin
Das liegt daran, dass der Gesetzgeber davon ausgeht, dass eine große Strafkammer beim Landgericht, die zumeist mit drei Berufsrichtern besetzt ist, so genau eine Sache aufarbeitet, dass das ausreicht. Vielleicht hat man aber auch die Staatskasse im Hinterkopf, denn die großen Verfahren dauern oft viele Hauptverhandlungstage, wenn man die im Rahmen einer Berufung wiederholen wollte, wäre das sehr aufwendig – und teuer.
Schöffe
In anderen Ländern in Europa ist das aber anders.
Beisitzerin
Das mag sein. Jedem das Seine.
Es folgt eine kurze Zeit der Stille.
Schöffin
Haben Sie das gelesen mit den Löwenbabys im Zoo?
Beisitzerin
Nein, was war denn da?
Schöffe
Ich auch nicht.
Schöffin
Der Vater hat die beiden Babys tot gebissen, als der Tierwärter nicht aufgepasst hat. Ich musste sofort an unseren Fall denken.
Beisitzerin
Ist der Wärter denn dafür da, die Löwenbabys vor ihrem Vater zu schützen?
Schöffin
Wohl auch. Zumindest klang das in dem Artikel so an. Die Gefahr ist wohl immer gegeben und deshalb muss man vor allem anfangs gut aufpassen.
Beisitzerin
Das wird dem Wärter sicher am meisten zu schaffen machen. Da hat ein Zoo mal Löwennachwuchs und dann so was. Aber ich habe auch mal im Fernsehen gesehen, dass männliche Löwen, die einen Rivalen besiegen und vertreiben konnten, im Anschluss daran den Nachwuchs dieses Vorgängers töten, um dann mit den Löwinnen eigenen Nachwuchs zu zeugen.
Schöffin
Ooh.
Beisitzerin
Die Natur ist oft erbarmungslos. Der Mensch hat sich da weiterentwickelt. Stellen Sie sich mal vor, was hier los wäre, wenn bei uns ein Vater die Kinder seiner neuen Freundin umbringt, weil er nur seine eigenen Kinder aufziehen will….
Schöffin
Was würde mit so einem passieren?
Beisitzerin
Der würde wegen Mordes lebenslänglich bekommen, dazu die besondere Schwere der Schuld. Je nachdem, müsste er sogar in die Psychiatrie. Und bliebe solange in der Sicherungsverwahrung, bis er nicht mehr gefährlich wäre. Aber eine solche Tat ist kaum vorstellbar.
Schöffin
Da wäre ich mir nicht sicher. Was heutzutage alles Unvorstellbares passiert. Das könnte sich ja selbst ein Schriftsteller nicht mehr ausdenken, ohne in Gefahr zu geraten, als völlig abgedreht zu gelten. Vor allem wenn man sieht, was heutzutage Kindern alles angetan wird. Sie werden verbrüht, vernachlässigt, man lässt sie verhungern. Oder sie werden über Jahre eingesperrt und immer wieder vergewaltigt. Schlagen Sie doch mal die Zeitung auf. Diese Gesellschaft ist in dieser Hinsicht wirklich krank.
Beisitzerin
Wobei das immer Einzelfälle sind. Und die Medien jeden Fall aufgreifen und hoch-pushen, wenn es ihren Auflagen nützt. Das besagt noch gar nichts darüber, dass in der heutigen Gesellschaft viel mehr mit Kindern passiert als früher.
Schöffe
Und mit all den Menschen, die für diese Einzelfälle – wie Sie es nennen – verantwortlich sind, muss dann die Justiz umgehen.
Beisitzerin
Und das macht bestimmt kein Richter gerne. Und noch dazu bei dem Medienaufkommen. Dagegen ist unser Fall in diesem Punkt fast alltäglich und normal.
Schöffe
Schlimm genug.
Beisitzerin
Ich habe oftmals das Gefühl, dass manche Kinder schon verloren haben, wenn sie auf die Welt kommen. Wenn Sie als Strafrichterin die verlorenen Seelen auf der Anklagebank sitzen haben, die heroinabhängig sind, und dann ihren Lebenslauf erfahren, dann drängt sich mir das Gefühl auf, dass manche Kinder von Beginn an keine echte Chance auf dieser Welt haben. Schon in Deutschland. Das kann einem das Herz zerreißen.
Schöffin

(zur Beisitzerin)

Haben Sie Kinder?
Die Tür zum Verhandlungssaal öffnet sich und die drei Richter treten ein.
Beisitzerin

(zur Schöffin)

Nein, noch nicht.
Dritter Richter
Hallo Heike.
Beisitzerin
Tag Harry.
Vorsitzender
Schön, dann sind wir ja jetzt vollzählig. Ich muss noch eben mit Herrn Harrach zur Geschäftsstelle, dann komme ich wieder.
Er schaut auf seine Armbanduhr.
Vorsitzender
In zehn Minuten kommen auch der Staatsanwalt und der Verteidiger noch mal kurz. Auch wenn es – um es vorwegzunehmen – nicht mehr viel zu besprechen gibt.
Schöffe
Dann werde ich noch einmal eine rauchen gehen.
Beisitzerin
Da schließe ich mich an.
Schöffin
Ich wusste gar nicht, dass Sie rauchen?
Beisitzerin

(lächelnd)

Ich rauche noch. Nicht mehr lange. Und nur ganz gelegentlich.
Alle bis auf den Berichterstatter und die Schöffin verlassen den Raum.
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