2. Akt – 3. Szene

3. Szene

Berichterstatter

Und, wie geht es Ihren Kindern?
Schöffin

Gut. Danke, denen geht`s gut. Wenn man von der ständigen Streiterei absieht.
Berichterstatter

So schlimm?
Schöffin

Ja, es gibt Tage, da hört das nicht auf. „Die hat mich geschlagen, der hat aber angefangen, gar nicht wahr, wohl wahr.“ So geht das die ganze Zeit. Und dann ist es oft schwer, ruhig und gelassen zu bleiben. Aber ich gebe mein Bestes.
Berichterstatter

Meine Schwester hat auch zwei Kinder, die ungefähr in ihrem Alter sind, also im Alter Ihrer Kinder. Vielleicht ein bisschen älter. Und da geht es auch manchmal zur Sache, selbst wenn wir zu Besuch da sind. Und meine Schwester hat inzwischen die Lösung, dass sie beide in ihr Zimmer sperrt und ein Fernsehverbot noch hinterherkommt, wenn es besonders schlimm ist. Da spielt dann auch keine Rolle mehr, wer denn angefangen hat. In dieser Hinsicht schenken sich die beiden sowieso nichts. Beide werden bestraft, wenn sie sich fetzen. Eine wirkungsvolle Methode.
Schöffin

Es raubt einem jedenfalls ungemein viel Energie. Und man weiß oft nicht, wie man reagieren soll. Und es geht um solche Nichtigkeiten.
Berichterstatter

Also, ich habe ja nur ein Kind. Sollte ein zweites dazukommen und die beiden größer werden, werde ich mich wohl an das Vorbild meiner Schwester halten.
Schöffin

Bis dahin wissen Sie auch, was aus den Kindern Ihrer Schwester geworden ist, ob sie sich gut entwickelt haben. Und daraus können Sie Ihre Schlüsse ziehen.
Berichterstatter

(lächelt)

Wenn`s mal so einfach wäre.
Die Schöffin gähnt lange. Der Berichterstatter schaut amüsiert.
Schöffin

Ich habe gestern Abend mit meinem Mann noch einen Film gesehen, deswegen bin ich noch so müde. Normalerweise gehe ich früher ins Bett. Aber er wollte unbedingt, dass ich mitgucke und ist immer beleidigt, wenn ich mittendrin einschlafe oder ins Bett gehe.
Berichterstatter

Und was haben Sie gesehen?
Schöffin

„Ein Leben in Leidenschaft“. Über Vincent van Gogh. Kennen Sie den?
Berichterstatter

Nein, sagt mir nichts. Ist das ein Dokumentarfilm?
Schöffin

Nein, ein Spielfilm. Mit Kirk Douglas.
Berichterstatter

Das Leben von van Gogh ist bestimmt Stoff für einen guten Film. Wenn man sich überlegt, was er für tolle Bilder gemalt hat, welch großer Künstler er war – und zu seinen Lebzeiten hat es kaum einer gewusst.
Schöffin

Ja, er hat nicht viel verdient mit seinen Kunst. Heute sind die Bilder Millionen wert.
Berichterstatter

Das ist das Leben.
Der Schöffe kommt herein, hängt seinen Mantel auf und setzt sich.
Schöffin

War der Angeklagte eigentlich bei der Beerdigung des Kindes?
Berichterstatter

Nein, ganz sicher nicht. Da waren wir zwar noch nicht für den Fall zuständig, aber ich bin mir aus der Akte sicher, dass er nicht zur Beerdigung ausgeführt wurde.
Schöffin

Später einmal?
Schöffe

Sehr unwahrscheinlich, wenn er doch der Tatverdächtige ist.
Berichterstatter

Doch, doch, später durfte er einmal zum Grab seines Sohnes. Er hat einen entsprechenden Antrag beim Haftrichter gestellt. Und der hat dem zugestimmt. Es befindet sich in der Akte auch noch ein Brief, in dem sich der Angeklagte dafür bedankt.
Schöffin

Wirklich? Kann ich den mal lesen?
Berichterstatter

Natürlich, warum nicht. Er muss irgendwo im ersten Band sein, weiter hinten.
Der Berichterstatter blättert in der Akte und findet den Brief. Er schiebt die Akte der Schöffin hin und sie beginnt zu lesen.
Schöffe

(zum Berichterstatter)

Ich war in der letzten Woche einmal bei dem Vorsitzenden im Zimmer. Das ist auch nicht sonderlich geräumig und hat auch keinen schönen Ausblick. Und überall stapeln sich Akten. Ich kann schon verstehen, dass der sich über die viele Arbeit beschwert.
Berichterstatter

(überrascht)

Hat er sich beschwert? Das kann ich mir nicht vorstellen.
Schöffe

Jedenfalls hat er es angesprochen, dass die Kammer über beide Ohren mit Arbeit bedeckt ist.
Berichterstatter

Da hat er nun einmal Recht.
Die Schöffin hat offensichtlich den Brief fertig gelesen und beginnt, ein wenig in der Akte herumzublättern, während sich die Männer weiter unterhalten.
Schöffe

Aber faszinierend fand ich auch die Fotos an der Wand von seinen Reisen. Daran kann man schon erkennen, dass man sich als Richter einiges leisten kann.
Berichterstatter

Wenn die Kinder aus dem Haus sind, hat man für so etwas auch Zeit.
Schöffe

Schon sehr beeindruckend. Der war schon auf der ganzen Welt. Auch in exotischen Gefilden. Zum Beispiel in China auf der chinesischen Mauer. Oder in Indien.
Berichterstatter

Nach Indien möchte ich auch gerne einmal. Ich war vor kurzem in einem poetischen Vortrag über Indien, mit Dias und Musik, das hat meiner Frau und auch mir sehr gut gefallen. Wobei die Armut, die dort auch herrscht, nur schwer zu ertragen ist.
Schöffe

Beim Vorsitzenden im Zimmer hängt ein Foto vom Taj Mahal. Und dann war er noch in Afrika. Tolle Bilder von der Großwildjagd – ich wusste gar nicht, dass man heute noch auf eine echte Safari gehen und Tiere schießen kann.
Berichterstatter

Das geht schon. Oder glauben Sie etwa, unser Vorsitzender würde etwas Illegales tun – und sich den Beweis dafür auch noch an die Wand seines Dienstzimmers hängen.
Der Schöffe schüttelt energisch den Kopf, während der Berichterstatter lächelt.
Schöffe

Natürlich nicht. Jeder braucht halt ein anderes Hobby, um sich vom Stress des Alltags zu entspannen. Ich arbeite am liebsten im Garten. Das habe ich schon zu meiner aktiven Zeit gemacht. Da waren aber gerade im letzten Sommer so viele Borkenkäfer, das hatten wir noch nie. Eine richtige Plage. Haben mir viel kaputt gemacht. Ich hatte alles so schön zurechtgemacht und dann mit einem Schlag ist alles befallen – und man muss wieder von vorne anfangen.
Berichterstatter

Ein Neubeginn kann auch schön sein.
Schöffe

(wenig überzeugt)

Ja, manchmal..
In der Zwischenzeit öffnet sich die Tür und der Vorsitzende tritt ein, gefolgt von der Beisitzerin. Beide nehmen Platz. Der Vorsitzende bemerkt, dass die Schöffin in der Akte liest und schaut überrascht zum Berichterstatter
Berichterstatter

(zum Vorsitzenden)

Frau Schmidt liest nur den Brief des Angeklagten an den Haftrichter nach dem Besuch des Grabs.
Der Vorsitzende nickt kurz und wartet, bis die Schöffin aufschaut.
Vorsitzender

Können wir dann?

Wie ich eben schon gesagt habe, erwarte ich gleich noch einmal Staatsanwalt und Verteidiger zum abschließenden Gespräch über die Verständigung. Zu der es nicht kommen wird, weil der Angeklagte nicht zugestimmt hat.

Die Schöffen nicken.
Vorsitzender

Wir wollen uns aber zudem noch kurz über den bisherigen Verlauf der Hauptverhandlung unterhalten, dazu sind wir heute verabredet. „Kurz“ nur deshalb, weil die Kammer heute nicht zuviel Zeit hat, weil wir in einem parallel laufenden Verfahren heute kurzfristig die Abschlussberatung durchführen müssen, weil an dem eigentlich geplanten Tag ein Schöffe verhindert ist. Der muss dann ins Krankenhaus. Es tut mir also leid, dass ich Sie heute …
Es klopft an der Tür zum Flur. Der Vorsitzende steht auf und begibt sich zur Tür.
Vorsitzender

Herein.
Der Verteidiger und der Staatsanwalt betreten den Raum durch die Tür zum Sitzungssaal. Beide tragen keine Roben. Der Vorsitzende begrüßt beide Männer per Handschlag und schließt die Tür. Während die restlichen Richter sitzen bleiben, bleiben die drei Männer kurz hinter der Tür stehen.
Vorsitzender

(zum Verteidiger)

Ich gehe davon aus, dass Sie auch den Staatsanwalt schon informiert haben.
Verteidiger

Ja, wir haben schon miteinander gesprochen. Ich kann nur sagen, dass es mir Leid tut, aber es ist nichts zu machen. Mein Mandant wird endgültig kein Geständnis machen. Er bleibt dabei, er wolle nichts gestehen, was er nicht getan habe.
Der Vorsitzende schaut den Staatsanwalt an.
Staatsanwalt

Ich habe das zur Kenntnis genommen.
Vorsitzender

(zum Verteidiger)

Und er kennt die Risiken dieses Entschlusses?
Verteidiger

Herr Vorsitzender, Sie kennen mich lange genug. Ich habe ihm natürlich alle Vor- und Nachteile dieser Entscheidung mitgeteilt und bin sie mit ihm durchgegangen.
Vorsitzender

(leicht spöttisch)

Bei den Nachteilen hat er vielleicht nicht genau genug zugehört – oder Sie waren nicht überzeugend genug.
Verteidiger

Ich habe getan, was ich konnte, aber es ist seine Entscheidung, nicht meine. Ich kann schließlich nicht einen Mandanten zu einem Geständnis prügeln. Ich war nicht dabei, ich weiß nicht, was war. Ich kann ihm nur aus meiner Erfahrung vor Gericht mitteilen, welche Risiken es gibt.
Schöffin

Will er denn weiterhin überhaupt nichts sagen?
Verteidiger

Nein, das will er nicht. Er sagt, er habe bei der Polizei schon alles ausgesagt, das habe man ihm offensichtlich nicht geglaubt. Mehr habe er nicht zu sagen.
Vorsitzender

Das letzte Wort in einem Prozess kommt sowieso von uns. Und wenn er uns die Dinge nicht mitteilen will, die diese Entscheidung zu seinen Gunsten beeinflussen könnten, ist das seine Verantwortlichkeit. Wenn ihm das klar ist, ist alles geklärt.

(zum Verteidiger) Die Möglichkeit, dass der Haftbefehl außer Vollzug gesetzt oder aufgehoben wird, im Falle einer Verurteilung, besteht jetzt natürlich endgültig auch nicht mehr, nicht mal mehr theoretisch.

Verteidiger

Das ist mir klar. Das konnte meinen Mandanten aber auch nicht überzeugen.
Vorsitzender

Nun gut, so sei es.

Wir sehen uns dann nächste Woche.

Staatsanwalt und Verteidiger verabschieden sich in Richtung der anderen vier Richter und verlassen gemeinsam den Raum. Der Vorsitzende schließt wiederum die Tür.
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