2. Akt – 4. Szene

4. Szene

Vorsitzender

Nun gut, es ist, wie es ist. Dazu sind wir schließlich auch da, uns eine Meinung über die Beweisaufnahme zu bilden, auch wenn der Angeklagte sich in Schweigen hüllt.Ich würde gerne heute hauptsächlich über die medizinischen Punkte reden, die im Vorfeld des Tatgeschehens aufgetreten sind und über die wir schon Beweis erhoben haben. Kinderarzt, Krankenhausbesuch und festgestellte Verletzungen.

Berichterstatter

Das Kind war einen Monat vor seinem Tod schon einmal in der Klinik gewesen. Seine Mutter hatte es dorthin gebracht. Sie hat dazu folgendes gesagt:„Am 1. Juli hatte das Baby Atemaussetzer und wurde ein wenig blau im Gesicht. Ich habe mich total erschrocken und bin mit dem Kind und meinem Freund ins Klinikum gefahren. Dort hat man aber nur festgestellt, dass das Kind Entzündungen hatte. Dem Baby ging es dort auch wieder gut. Der Vater war an diesem Tag nicht da.“

Die Diagnose im Krankenhaus lautete auf „Mundsoor“ und „Windeldermatitis mit Soor“, was bei Kleinkindern wohl häufig vorkommt und nicht schlimm ist. Prof. Lehmann hat aber ausgesagt, es könne sich auch um ein sog. „Beinahe-Todesereignis“ gehandelt haben, kurz ALTE. Das ist eine Vorstufe zum „Plötzlichen Kindstod“, das zehnmal so häufig auftaucht, aber keine Auswirkungen hat, wenn es frühzeitig erkannt wird. Deswegen wird es auch nicht so häufig diagnostiziert.

Schöffin
Das hatte ich bis dahin noch nie gehört.
Vorsitzender
Das hat aber keine Auswirkungen auf das Geschehen einen Monat später?
Berichterstatter
Nach Ansicht der Gutachter nicht.
Vorsitzender
Also können wir diesen Punkt abhaken. Dieser Krankenhausaufenthalt hat mit der Tat offensichtlich nichts zu tun.
Beisitzerin
Die Aussage der Kinderärztin ist dagegen sehr wichtig. Bei ihr war das Kind in der kurzen Zeit seines Lebens häufiger Gast. Und es gab nach ihrer Aussage Hinweise auf Misshandlungen.
Schöffin
Für mich stellt sich schon die Frage, ob das wirklich Misshandlungen waren. Und wie man „Misshandlungen“ definiert.
Beisitzerin
Es gab Hämatome am Rücken und an den Beinen. Und es gab die Verbrennung.
Schöffin
Ja, die Verbrennung ist so ein Thema, das in der Hauptverhandlung ja ausführlich angesprochen worden ist. Die eine Zeugin hat davon erzählt, wie das gewesen ist.
Schöffe

(schüttelt den Kopf)

Die Sache mit der Heizung.
Schöffin
Offenbar hat der Vater, als er mit dem Kind einmal alleine war, versucht, das Kind dadurch zu wärmen, dass er ein Kissen auf die heiße Heizung gelegt hat und dann das Kissen auf das kalte Baby gelegt hat.
Vorsitzender
Das zeigt doch wieder …
Schöffin
Wir brauchen nicht darüber zu diskutieren, wie wir das finden. Dass so etwas …
Sie schüttelt den Kopf und atmet tief durch.
Schöffe
So geht man mit einem Säugling nicht um.
Schöffin
Aber ich habe viel darüber nachgedacht und was ich zu dieser Behandlung des Kindes sagen möchte, ist, dass der ursprüngliche Impuls doch positiv war. Er wollte das Kind, dem offensichtlich kalt gewesen ist, wärmen. Insofern zeigt dieser Vorfall doch nicht, dass er mit dem Kind nichts anfangen konnte, dass es ihm nicht wichtig war, sondern – im Gegenteil – dass er sich um das Kind kümmerte. Wenn auch mit den primitivsten Mitteln.
Vorsitzender
Ich sehe darin ein Zeichen dafür, dass er Mittel anwendet, die dem Kind schaden. In einer Situation, als dem Baby kalt war, hat er ihm Verbrennungen zugefügt. Was tut solch ein Mensch, wenn das Kind schreit? Und nicht damit aufhören will? Dann schüttelt er es, um es zu beruhigen. Er wollte es nicht so schwer verletzen, dass es stirbt, er wollte vielleicht nur sein Bestes, weil er dachte, dass es sich besser fühlt, wenn es still ist, als wenn es schreit. Aber die Mittel, die angewendet werden, die müssen jedem vernünftigen Menschen als sehr gefährlich für die Gesundheit des Kindes klar sein.
Schöffe
Offensichtlich ist das kein vernünftiger Mensch.
Berichterstatter

Nicht vernünftig bedeutet aber nicht gleich vermindert schuldfähig.Wir werden am Ende der Beweisaufnahme den Psychiater noch hören, der schließt in seinem vorbereitenden Gutachten eine verminderte Schuldfähigkeit im Ergebnis aus. Und in der Schule war der Angeklagte ja auch durchschnittlich. Wir haben es hier nicht mit einem Dummkopf zu tun. Auch mit dieser Schulbildung muss klar sein, dass man ein Kind kein heißes Kissen auf den Rücken oder den Bauch legt, um es zu wärmen. Und dass man es nicht schüttelt, ohne dass es zu schweren Verletzungen kommt.

Schöffin
Ich wusste nicht, wie gefährlich Schütteln ist, als ich mein erstes Kind bekam. Ich habe natürlich vorher auch nie ernsthaft darüber nachgedacht. Erst in einem Geburtsvorbereitungskurs wurde das mal thematisiert. Da habe ich es dann erst gewusst, dass Schütteln sogar tödlich sein kann.
Beisitzerin
Wir können nicht davon ausgehen, dass der Angeklagte einmal an einem Geburtsvorbereitungskurs teilgenommen hat. Vor allem weil die Beziehung in den ersten Monaten der Schwangerschaft in der Krise war und sich die Eltern kaum noch gesehen haben.
Vorsitzender
Ich glaube, das weiß jeder Erwachsene heutzutage. Es gibt immer wieder Berichte darüber in den Zeitungen, immer mal wieder Prozesse, über die berichtet wird. Jeder kann so etwas wissen.
Schöffe
Darf ich dazu etwas sagen? „Jeder kann“ heißt nicht, dass es jeder weiß, Herr Vorsitzender. Schließlich schüttelt man Erwachsene auch, wenn man sie zur Vernunft bringen will. Da kann es sein, dass man denkt, das geht bei Kindern auch.
Vorsitzender
Ich gebe das zu. Es kann wenige Menschen geben, die davon noch nie gehört haben. Aber unser Angeklagter macht nicht den Eindruck eines der wenigen Ahnungslosen. Schließlich hat er gegenüber der Schwester im Krankenhaus zugegeben, dass er weiß, was ein Schütteltrauma ist.
Schöffin
Das heißt noch nichts. Man gibt aus Unsicherheit manchmal an, man kennt etwas, was man gar nicht kennt. Ich habe auch zum Beispiel gegenüber Dr. Rauchhaupt am ersten Tag so getan, als wüsste ich, was „Kapitalstrafsachen“ sind, obwohl ich das nicht genau wusste. Ich habe es zwar geahnt, aber genau gewusst habe ich es nicht. Wenn man in solch eine Situation kommt, dann nickt man oder man sagt „ja“, obwohl man das gar nicht weiß.
Vorsitzender
Die Schwester konnte sich aber sehr sicher daran erinnern. Auch deshalb müssen wir bei unserer Entscheidung davon ausgehen, dass er wusste, dass das Schütteln eines Säuglings schwere – zumindest Schäden an der Gesundheit anrichtet. Jeder weiß doch, dass man mit einem Säugling vorsichtiger umgehen muss als mit einem Erwachsenen. Insoweit hinkt auch Ihr Beispiel, Herr Assauer. Nicht alles, was man mit einem Erwachsenen machen darf, kann man auch mit einem Kind, geschweige denn einem Säugling tun.
Berichterstatter
Der Verteidiger hat auch nichts dazu gesagt, dass der Angeklagte nicht wusste, dass das Schütteln eines Babys eine Körperverletzung nach sich zieht. Er hätte bei der Befragung des Sachverständigen diesen Punkt ansprechen können.
Schöffin
Der Herr Verteidiger hat überhaupt wenig gesagt. Ich kann wirklich nicht verstehen, wie man einen solchen Rechtsanwalt in einer solchen Sache als Pflichtverteidiger beiordnen kann. Wenn es um Ladendiebstahl geht, ist das ja vielleicht noch in Ordnung. Da kann er nicht viel kaputtmachen. Obwohl – das sieht der Ladendieb wahrscheinlich anders. Aber hier geht es um ein totes Baby und um etliche Jahre im Gefängnis. Und sucht der Haftrichter diesen Anwalt aus.
Beisitzerin

(erstaunt)

Woher wissen Sie denn, dass der Haftrichter ihn ausgesucht hat und nicht der Angeklagte?
Schöffin
Ich habe das eben zufällig in der Akte gesehen. Beim Haftrichter hat der Angeklagte dazu nichts gesagt. Und dann ist ihm sofort dieser Anwalt zugeordnet worden.
Vorsitzender

(atmet tief durch)

Frau Schmidt …
Schöffin
Ich weiß, dass Sie da nichts für können, aber das regt mich einfach auf.
Vorsitzender

(lächelt)

Sie haben sicher Recht, dass dieser Strafverteidiger nicht die Zierde seines Berufs ist, aber er gehört auch nicht zu denen, die von Strafverteidigung gar keine Ahnung haben. Insofern konnte der Haftrichter guten Gewissens davon ausgehen, dass er seinen Job gut erledigen würde. Und so schlecht war das bisher auch nun wieder nicht.
Schöffin
Nicht schlecht, eher stumm. Untätig.
Vorsitzender
Manchmal ist es aber auch das Beste, wenn sich ein Angeklagter und sein Verteidiger ducken und hoffen, dass der Sturm an ihnen vorüberzieht. Kann das eine gute Taktik sein? Ja sehr wohl. Ich möchte Ihnen aber sagen, dass Sie die Arbeit der Verteidiger an sich nicht überbewerten sollten. Wir werden hier als Gericht unsere Arbeit so gut wie möglich machen, völlig unabhängig davon, wer als Verteidiger dort sitzt. Das ist unser Anspruch.
Schöffin
Aber ist man nicht als Gericht dankbar, wenn man einen guten Verteidiger dort sitzen hat?
Vorsitzender
Das hängt davon ab, wie man „gut“ definiert. Es gibt Verteidiger, die erweitern das Blickfeld des Gerichts zum Wohle ihres Mandanten. Zum Beispiel hatten wir vor kurzem einen Fall, in dem das ganze Ausmaß der familiären Drucksituation, unter der der Angeklagte stand, aus der Akte gar nicht ersichtlich war und uns der Verteidiger mit Beweisanregungen geholfen hat, diesen Bereich zu entdecken. Das hat sich auf im Strafmaß sehr stark für dessen Angeklagten ausgewirkt. Bei solchen Verteidigern hilft es auch uns, wenn sie dabei sind. Es gibt aber auch Verteidiger, die immer wieder Anträge stellen, jeden Stein aufheben und umdrehen, auch diejenigen, bei denen schon hundertprozentig klar ist, was dort zum Vorschein kommen wird. Das macht allen ganz viel unnötige Arbeit. Die möchte man eher nicht da sitzen ha ben. Und dann gibt es halt die, bei denen es keine große Rolle spielt, die weder etwas kaputtmachen noch Kohlen aus dem Feuer holen können.
Berichterstatter
Das ist der hiesige Verteidiger.
Schöffin
Ich hätte mir halt einen besseren Verteidiger gewünscht.
Vorsitzender

Sie haben gerade erst als Schöffin angefangen. Sie werden zweifellos noch bessere Verteidiger erleben. Aber gehen Sie einmal davon aus, dass das Urteil, das wir hier einmal fällen werden, unabhängig von der Arbeitsmoral – oder sagen wir besser – Arbeitsleistung dieses Verteidigers ist.Wir können also davon ausgehen, dass der Angeklagte wusste, dass das Schütteln eines Babys zu Verletzungen führt.

Schöffin
Damit meinen Sie jetzt nicht, dass er es gewesen ist, sondern nur, dass er gewusst hat, dass solch eine Behandlung zu Verletzungen führt? Ganz allgemein.
Vorsitzender
Richtig.
Schöffin
So wie die Mutter das intellektuell auch gewusst hat, so wie wir sie hier erlebt haben?
Vorsitzender

(zögerlich)

Richtig. Allerdings spielt das bei der Mutter oder anderen Dritten keine Rolle, weil die nicht angeklagt sind. Uns interessiert in diesem Sinne nur der Angeklagte.
Schöffin
Okay, dann bin ich damit einer Meinung.
Vorsitzender

Gut.Sind wir auch einer Meinung, dass wir davon ausgehen können, dass die Geschichte mit der Verbrennung sich so zugetragen hat, wie von den Zeugen bekundet.

Beisitzerin
In diesem Punkt haben wir gar keine Einlassung des Angeklagten, weil die Polizei zum Zeitpunkt der Vernehmung von diesem Ereignis noch nichts wusste.
Schöffe
Die Zeugin wirkte auf mich sehr glaubwürdig. Ihre Geschichte passte zu der Verletzung. Und ich kann mir kaum vorstellen, dass man sich eine solche Geschichte ausdenkt.
Vorsitzender
Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Herr Assauer. So etwas erfindet man nicht. Das ist erlebnisfundiert.
Berichterstatter und Schöffin nicken.
Vorsitzender
Gut, dann können wir diesen Vorfall unter der Rubrik „unstreitig“ einordnen.
Schöffe
Unglaublich und unstreitig.
Vorsitzender

Richtig.Wir haben schließlich auch noch die diversen Hämatome, die im Krankenhaus festgestellt worden sind. Auch gab es Hautverletzungen an beiden Ohren.

Schöffin
Woher stammen die Ihrer Meinung nach?
Vorsitzender
Das kann ich nicht abschließend sagen. Sie haben auch gehört, was der Stationsarzt ausgesagt hat. Es ist gut möglich, dass die Verletzungen vor der Aufnahme in der Klinik aufgetreten sind. Aber es ist auch nicht sicher auszuschließen, dass sie im Rahmen der intensiven Behandlung zur Wiederbelebung entstanden sind.
Schöffin
Das hieße dann doch, dass wir sie nicht dem Angeklagten zuschreiben können?
Berichterstatter
Zumindest nicht sicher.
Schöffin
Also gar nicht.
Vorsitzender
Kann ich sagen, dass diese Verletzungen gar nichts zu bedeuten haben? Nein, das kann ich nicht. Sie spielen eine Rolle im Gesamtkontext. Dieser kleine Säugling hat in seinem kurzen Leben wirklich viel durchmachen müssen. Und er stand zuletzt in der Verantwortung seines Vaters.
Schöffin
Aber es kann nicht die Frage entscheiden, unter welchen Umständen er umgekommen ist.
Vorsitzender

Nein, jedenfalls nicht für sich allein betrachtet.Sie müssen bei der Beweiswürdigung immer den Gesamtzusammenhang sehen. Das werden Sie in der Schlussberatung merken.

Schöffin
Ich verstehe ja, dass man den Wald vor lauter Bäumen immer noch erkennen sollte. Aber bei Hämatomen, die vielleicht im Krankenhaus entstanden sind, lässt sich meiner Meinung nach ebenso wenig etwas zur Schuld des Angeklagten sagen, wie bei den blauen Flecken, von denen die Hausärztin gesprochen hat.
Beisitzerin
Die Kinderärztin.
Schöffin
Ja, Entschuldigung, ich meinte die Kinderärztin.
Beisitzerin
Die Hämatome, die die Kinderärztin festgestellt hat, sind nicht einem bestimmten Verursacher zuzuordnen. Die Mutter hatte ihr gegenüber angegeben, das Baby unglücklich angestoßen zu haben bzw. einmal zu feste angefasst zu haben. Sie hat dort die Schuld auf sich genommen. Die Fingerabdrücke sind auch nicht von der Ärztin überprüft worden, ob es nun die Hand eines Mannes oder einer Frau gewesen ist. Bei der Polizei hat die Mutter die Schuld auf den Angeklagten geschoben, aber in der Hauptverhandlung …
Schöffin

(nickt)

Genau.
Beisitzerin
… wollte sie sich nicht festlegen. Denn schließlich war der Angeklagte auch nicht immer mit dem Kind zusammen. Und es war nicht so, dass das Kind immer dann Verletzungen aufwies, wenn es mit dem Vater zusammen war.
Schöffe
Mit der Ausnahme dieser Verbrennung.
Beisitzerin
Ja, richtig.
Vorsitzender
Diese Verletzungen des Kindes sind somit nur im Gesamtkontext interessant, ohne dass wir dem Angeklagten nachweisen können, dass er der Verursacher gewesen ist.
Die anderen Richter und der Schöffe nicken. Die Schöffin zeigt keine Regung.
Berichterstatter
Dann noch kurz zur Todesursache. Nach den medizinischen Gutachtern liegt ein sog. Schütteltrauma vor.
Beisitzerin
Ein plötzlicher Kindstod ist nach den Angaben der Gutachten ausgeschlossen.
Schöffin
Das war aber die erste Diagnose?
Berichterstatter
Ja, ganz zu Beginn war das eine mögliche Ursache für den Zustand des Säuglings. Aber das wurde durch die Untersuchungen im Krankenhaus schnell ausgeschlossen. Dort hat man eine Computertomographie durchgeführt und ein MRT. Außerdem hat man einen Augenarzt hinzugezogen. Es wurden die typischen Anzeichen eines Schütteltraumas festgestellt, die auch spätestens durch die Obduktion bestätigt wurden. Die Symptomkonstellation kautet im Medizinerdeutsch: subdurale Hämatome und ausgeprägte retinale Blutungen mit schweren diffusen Hirnschäden.
Schöffe
Und was heißt das noch mal in Normaldeutsch?
Berichterstatter
Das heißt, es finden sich Blutungen in der Netzhaut, also im Auge, und unter der harten Hirnhaut und damit eine Schädigung des Gehirns. Dies entsteht durch heftiges Schütteln des Säuglings, bei dem der Kopf unkontrolliert rotiert. Dabei reißen – so wie ich es verstanden habe – Blutgefäße und Nervenverbindungen ab und der Atem setzt kurzzeitig aus. Dann schwillt das Gehirn an, was zu schweren und dauerhaften Verletzungen bis zum Tod führen kann.
Schöffe
Heißt das, dass das Baby möglicherweise schwer behindert gewesen wäre, wenn es das Schütteln überlebt hätte?
Berichterstatter
Ja, so verstehe ich das.
Der Berichterstatter schaut in die Runde.
Berichterstatter
Ich denke, an der Fachkompetenz der Mediziner hat hier keiner Zweifel. Oder sieht das jemand anders?
Schöffin
Ich kann dazu wenig sagen. Ich bin mit Medizin auf diesem Niveau noch nie in Berührung gekommen. Die Ärzte und der Sachverständige klangen – mit einer Ausnahme – alle sehr überzeugend.
Beisitzerin
Sie meinen Frau Dr. Pfeiffer und den Rippenbruch.
Schöffin
Ja, genau.
Berichterstatter
Ja, natürlich war das ein Bock, den man geschossen hat. Es kommt wohl daher, dass oft bei der Diagnose „Schütteltrauma“ noch eine Rippenfraktur dazu kommt, weil das Baby beim Schütteln so fest gehalten wird, dass eine Rippe bricht. Hier war zunächst der Verdacht auch vorhanden, ist dann bei der Obduktion aber nicht bestätigt worden. Und dies hat Frau Dr. Pfeiffer offensichtlich übersehen.
Schöffe
Das spricht dann aber nicht gegen ein Schütteltrauma, nicht wahr?
Vorsitzender
Richtig, Herr Assauer. Das Fehlen eines Rippenbruchs führt nicht dazu, dass man ein Schütteltrauma ausschließen könnte.
Schöffin
Es irritiert mich nur, dass eine Sachverständige in ihrem Gutachten trotzdem noch von Rippenfraktur redet, als ob sie die Akte nicht genau genug durchgelesen hätte. Dort war doch der Obduktionsbericht enthalten, oder etwa nicht?
Die Richter nicken.
Schöffin
Das erschüttert ein wenig das Vertrauen in diese Sachverständige, deren Fachwissen natürlich ganz weit über unserem ist – zumindest über meinem.
Vorsitzender
Jeder macht mal einen Fehler, Frau Schmidt. Aber entscheidend ist doch, dass kein Rippenbruch vorlag. Und vor allem – dass wir von einem Schütteltrauma ausgehen können.
Schöffin
Nach den neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen ist das Kind geschüttelt worden. Davon müssen wir ausgehen. (Pause) Auch wenn….
Vorsitzender
Auch wenn was?
Schöffin
… vor fünfzig Jahren der wissenschaftliche Stand der Dinge ein anderer war und in fünfzig Jahren vielleicht ein anderer Erkenntnisstand vorliegt, wonach auch andere Abläufe eine solche Verletzung auslösen können.
Beisitzerin
Aber das können wir heute nicht wissen und danach können wir uns deshalb auch nicht richten.
Schöffin
Natürlich.
Vorsitzender
Also, der Säugling ist geschüttelt worden, das ist die Todesursache. Das ist also auch unstreitig.
Schöffin
Ich finde in diesem Zusammenhang die Frage interessant, wann das Baby denn geschüttelt worden sein muss. Nach der Anklageschrift hat er das Baby kurz vor dem Ruf des Notarztes geschüttelt. So verstehe ich es zumindest – und Herr Assauer wohl auch.
Schöffe
Ja, das stimmt.
Vorsitzender
Die Anklage ist sehr kurz gefasst. Mir kommt es so vor, als ob die zuständige Staatsanwältin sich nicht festlegen wollte. Sicher ist, dass es in der Zeit war, in der er mit dem Baby allein war.
Schöffin
Aus Sicht der Staatsanwaltschaft.
Vorsitzender
Ja, davon habe ich gesprochen.
Schöffin
Ich habe mal ein bisschen im Internet nachgeschaut und da gab es eine Stu…
Berichterstatter
Sie recherchieren im Internet über diesen Fall?
Schöffin
Ja – darf ich das nicht?
Berichterstatter
Doch schon, natürlich. Ich bin nur etwas erstaunt. Sie haben doch zwei Kinder, da haben Sie doch viel zu tun.
Schöffin
Schon, aber wenn meine Kinder abends im Bett sind und mein Mann Fußball guckt, dann bin ich schon mal im Internet.
Schöffe
Ihr Mann interessiert sich für Fußball?
Schöffin

Und wie.Jedenfalls habe ich mich gefragt, ob das Baby nicht auch viel früher vor dem Anruf beim Notarzt geschüttelt worden sein kann…

Berichterstatter
Also, das scheint mir unmöglich zu sein. Wenn ein Säugling mit voller Kraft geschüttelt wird, dann führt das doch zu einer Blutung im Gehirn. Folge dieser Blutung ist dann das verfärbte Gesicht. Dass das nicht Sekunden später erfolgt, ist logisch, aber viele Stunden vorher, scheint mir sehr unrealistisch.
Schöffe
Da haben Sie Recht.
Berichterstatter
Aber wir können den Gutachter noch einmal kommen lassen und fragen.
Schöffin
Ja, das wäre mir Recht.
Berichterstatter
Ich werde mir das notieren.
Der Vorsitzende schaut wieder auf seine Armbanduhr.
Vorsitzender
Damit würde ich auch gerne Schluss machen. Wir sehen uns am nächsten Hauptverhandlungstag, pünktlich, Herr Assauer, um 9 Uhr hier vor der Tür. Ich denke, dass wir in drei Tagen mit der Beweisaufnahme und den Plädoyers durch sein werden. Wenn nicht noch von Seiten der Verteidigung oder der Nebenklage etwas kommt.
Schöffin
Das würde mich wundern.
Vorsitzender
Damit ist derzeit auch nicht zu rechnen. Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende.
Die Berufsrichter verabschieden sich von den Schöffen, die ihre Mäntel nehmen und den Raum verlassen.
Vorsitzender
Wir sollten hier kurz durchlüften, bevor die Schöffen in der anderen Sache kommen.
Die Beisitzerin öffnet das Fenster.
Vorsitzender
Also, die Schlussberatung mit der Frau Schmidt wird vermutlich nicht ganz leicht. Wer nebenher im Internet recherchiert, der hat Blut geleckt. Da hilft nur enges Zusammenrücken und Zeigen, wohin der Weg hier nur gehen kann. Ich werde mich ganz auf Herrn Assauer konzentrieren, um ihn auf unserer Seite zu haben, dann kann nichts passieren. Dann kann Frau Schmidt sagen, was sie will.
Beisitzerin
Das stimmt. In dieser Hinsicht kann es ja wirklich zu einem Problem werden, wenn zwei Schöffen anders stimmen und dadurch das Ergebnis kippen.
Vorsitzender
Natürlich, drei zu zwei ist überall ein Sieg, nur bei der Urteilsberatung braucht man 66% zur Verurteilung und bei zwei Abweichlern hat man die halt nicht. Es ist aber auch nicht schlecht, dass viele Schöffen das nicht so genau zu wissen scheinen, sonst könnte man vielleicht noch viel öfter Probleme kriegen.
Berichterstatter
Die allermeisten Schöffen legen es aber doch nicht darauf an und wollen lieber Harmonie mit uns Berufsrichtern. Die Frau Schmidt ist in dieser Hinsicht vielleicht anders. Sie ist zumindest nicht auf Harmonie aus. Es ist aber auch nicht ganz von der Hand zu weisen… Die Beweislage könnte besser sein, würde ich mal sagen.
Vorsitzender
Deswegen brauchen solche Fälle immer die fähigsten Richter, Herr Dr. Rauchhaupt, die sich profilieren können, wenn`s mal eng wird. Ich mache mir da gar keine Sorgen.
Der Berichterstatter lächelt etwas gequält, während die Beisitzerin den Raum verlässt.
Vorsitzender
Gehen wir noch einmal in die Geschäftsstelle, die anderen Akten holen.
Beide verlassen den Raum.

Ende 2. Akt

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