Fragen und Antworten

Woher kam die Inspiration zu diesem Stück?

Die erste Idee hatte ich, als ich vor vielen Jahren einen Vater verteidigt habe, dessen Baby aufgrund eines sog. „Schütteltraumas“ verstorben war und der deswegen angeklagt wurde. Ich wollte anhand dieser Ausgangsituation ein Drehbuch verfassen und hatte auch schon erste Szenen geschrieben, kam aber nicht recht voran. So lag das Projekt einige Jahre „in der Schublade“, bis ich 2011 begann, für die „Legal Tribune Online“ Filmkritiken zu klassischen Gerichtsfilmen zu verfassen. Der erste Film, den ich besprochen habe, war „Die zwölf Geschworenen“ mit Henry Fonda. Ich habe mir dazu das Theaterstück von Reginald Rose gekauft und dann kam eines zum anderen. Warum nicht eine „moderne“ bzw. an die deutsche Strafjustiz angepasste Version schreiben und dies mit der ursprünglichen Drehbuch-Idee verbinden? Mir selbst ist erst viel später aufgefallen, dass sich dadurch auch der Fall ins Gegenteil verkehrt: Ging es bei Reginald Rose um den Vorwurf, dass ein junger Mann seinen Vater getötet haben soll, geht es hier um den Vorwurf, für den Tod des Sohnes verantwortlich zu sein. Das war ganz unbewusst, aber ich glaube, dass die Frage der Schuld der jetzigen Generation gegenüber den nachfolgenden Generationen einiges an Aktualität besitzt.

Wer ist die Hauptperson in diesem Stück?

Der große Unterschied zum amerikanischen Strafjustizsystem ist, dass es hierzulande seit der Weimarer Republik keine Geschworenengerichte mehr gibt, sondern Berufsrichter unter der Mitwirkung von zwei Laienrichtern, den Schöffen, über die Schuld- und Straffrage entscheiden. Es wird also – anders als bei den zwölf Geschworenen – bei der Urteilsberatung nicht nur über die Frage diskutiert, ob der Angeklagte die Tat wirklich begangen hat, sondern auch um juristische Fragen, Um zu verhindern, dass die Diskussionen in ein juristisches „Fachchinesisch“ abgleiten, steht im Mittelpunkt eine neu gewählte Schöffin, die die – für die Berufsrichter zuweilen lästige – Angewohnheit hat, nachzufragen, wenn sie etwas nicht versteht, Dadurch soll der nicht juristisch vorgebildete Zuschauer in die Lage versetzt werden, dem Geschehen stets zu folgen. Sie ist quasi die Vertreterin des Zuschauers auf der Bühne.

Ist es also so wie bei den zwölf Geschworenen, dass das ganze Stück die Schlussberatung der Strafkammer umfasst?

Nein, das habe ich ein wenig geändert. Es gibt drei Akte und jeder Akt spielt zu einer anderen Zeit. Der erste Akt spielt am ersten Tag vor Beginn der Hauptverhandlung und zeigt, wie sich die Hauptpersonen kennen lernen und wie der Vorsitzende die Schöffen auf die bevorstehende Sache einstimmt. Der zweite Akt findet nach einigen Hauptverhandlungstagen statt. Es wird schon einmal zu bestimmten Punkten eine Zwischenberatung durchgeführt, aber natürlich in dem Bewusstsein, dass die Beweisaufnahme noch nicht abgeschlossen ist. Der abschließende und längste Teil zeigt dann die Schlussberatung der Kammer.

Hat das Stück eine Botschaft, was ist das Ziel des Stücks?

Die Frage erinnert mich an einen Satz des großen Billy Wilder, der auf eine ähnliche Frage geantwortet hat, dass von den zehn Gebote des Filmemachers die ersten neun lauteten: „Du sollst nicht langweilen.“ Der Sinn der Stücks ist also in erster Linie zu unterhalten und nicht zu langweilen. Sollte es für den Theaterbesucher langweilig sein, dann nützt auch die schönste Botschaft nichts. Dann ist es besser, ein Fachartikel oder -buch zu schreiben und sich auf dieser Ebene einer sehr begrenzten und ggf. interessierten Öffentlichkeit mitzuteilen.

Dies vorwegschickend, glaube ich, dass es in dem Stück in erster Linie um den Zustand der deutschen Strafjustiz geht und dass das Stück dem Zuschauer in die Lage versetzt, die Mechanismen der Strafjustiz besser zu begreifen. Es werden im Laufe des Stücks verschiedenste Bereiche angesprochen, die derzeit meiner Meinung nach im Argen liegen, die aber mit der Frage nach der Schuld oder Unschuld des Angeklagten nur indirekt zu tun haben.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel die – mittlerweile nicht mehr informelle – Verständigung im Strafverfahren. Das Aushandeln von Urteilen zur Verhinderung einer langen und schwierigen Suche nach der Wahrheit. Für einen schuldigen Angeklagten ist das meist kein Problem, für einen Unschuldigen aber umso mehr. Wobei man zu diesem Zeitpunkt unter den professionell Beteiligten nicht wissen kann, welcher Angeklagte in welcher der beiden Schubladen gehört.

Oder aber die Beiordnung von Pflichtverteidigern durch Richter, obwohl sie wissen, dass diese Anwälte sich nicht mit ganzer Kraft für ihre Mandanten einsetzen werden, sondern ihnen mehr daran gelegen ist, auch in Zukunft ein gutes Verhältnis zu den örtlichen Richtern zu pflegen. Ein Richter hat diese Anwälte mal als „Gerichtsnutten“ bezeichnet. Das braucht man nicht weiter zu kommentieren.

Funktioniert das deutsche Strafrechtssystem also derzeit nicht?

Das würde ich so nicht sagen. Wir leben in einem Rechtsstaat und ich glaube, die meisten Urteile der deutschen Gerichte werden richtig sein. Es kommt im Jahr in meiner Praxis als Strafverteidiger vielleicht zwei- oder dreimal vor, dass es gerichtliche Entscheidungen gibt, bei denen ich sagen muss, das geht gar nicht. Das klingt erst einmal nicht viel. Wenn ich aber überlege, dass es gut sein kann, dass alle deutschen Strafverteidiger dieselben Erfahrungen machen, so summiert sich das.

Ich glaube, das größte Problem der Justiz ist die Grundeinstellung, dass der Staat etwas Gutes ist und bei der Verfolgung von Kriminellen auch nicht zu kleinlich sein muss. Verstöße der Ermittlungsbehörden gegen gesetzliche Vorschriften werden weithin akzeptiert, wenn sie dazu dienen, schwere Straftaten aufzuklären. Selbst das Bundesverfassungsgericht sagt, dass letztendlich eine Abwägung stattfinden muss zwischen der Erheblichkeit des Verstoßes und dem Interesse der Öffentlichkeit an der Verfolgung der Straftaten. Wenn eine schwere Straftat begangen worden ist und ein Angeklagter deswegen vor Gericht steht, so wiegen die Unschuldsvermutung oder das Prinzip „im Zweifel für den Angeklagten“ nicht mehr soviel, wie dies nach meiner Ansicht sein müsste. Wir sind weit entfernt von einem Zustand, dass man lieber neun Schuldige laufen lässt, bevor man einen Unschuldigen verurteilt. Doch genau an diesem Punkt zeigt sich der Rechtsstaat, nicht bei einer klaren Entscheidung oder bei einer gedealten Verurteilung. Rechtsstaat ist keine Wohlfühlveranstaltung, Rechtsstaat tut oft weh. Das ist sein Wesen und deshalb steht er auch in unserer heutigen Zeit immer wieder schwer unter Druck. Und es ist unser aller Aufgabe, ihn zu verteidigen.

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